Ski alpin: In Val d´Isère kommt es zu Hitchcock-Rennen
publiziert: Freitag, 13. Dez 2002 / 16:35 Uhr / aktualisiert: Freitag, 13. Dez 2002 / 17:36 Uhr

(Si) Die Männer-Abfahrt in Val d´Isère (Samstag, 10.30 Uhr) wird zu einem der spannendsten Rennen der Weltcup-Geschichte. "Man wird lange warten müssen, bis der Sieger feststeht", prophezeit Didier Cuche.

Didier Cuche ist zur Zeit in einer bestechenden Form.
Didier Cuche ist zur Zeit in einer bestechenden Form.
Cuche selber wird mit einer 30er-Nummer ins Rennen gehen. Er bezog aber seine Bemerkungen nur bedingt auf sich, denn neben ihm werden auch zahlreiche Österreicher mit hohen Nummern starten. Eigentlich beginnt die Abfahrt heute Samstag erst mit der Startnummer 30, wenn der grosse Favorit Stephan Eberharter ins Rennen geht. Vorher werden u.a. Kristian Ghedina, Fritz Strobl, Daron Rahlves sowie die drei Schweizer Didier Defago, Ambrosi Hoffmann und Bruno Kernen starten, Hoffmann und Defago mit Nummer zwischen 15 und 20, die von Fachleuten in Val d´Isère als die günstigsten betracht werden.

Hoffmann im 3. Anlauf aufs Podest?

"Wenn ich, wie das früher für Gruppe-1-Fahrer möglich war, die Nummer hätte wählen können, hätte ich mich für eine solche entschieden", sagt Hoffmann. Gerne würde der Davoser in Val d´Isère einmal unter die ersten drei fahren, nachdem er vor zwei Jahren auf dem Weg zu einem Podestplatz kurz vor dem Ziel stürzte und im letzten Jahr um drei Hundertstel den 3. Platz verpasste. "Aber", so Hoffmann, "in Val d´Isère kann keiner an den Start gehen und sagen: Ich fahre aufs Podest." Die Piste an sich gebe keine Probleme auf, "doch können einem die Verhältnisse einen Strich durch die Rechnung machen."

Drei Unsicherheitsfaktoren können den Ausgang des Rennens entscheidend beeinflussen: Das Material und der Wind, vor allem im baumlosen oberen Teil mit flachen Passagen, sowie die Sonne, die die Piste oft schneller werden lässt. Im oberen Teil war Hoffmann im Abschlusstraining beispielsweise erst 43., im Ziel dann Zehnter. Die Piste Oreiller-Killy bleibt auch im Zeitalter der hochentwickelten Technologie eine Sphinx. Deshalb verzichtete Hoffmann wie alle andern Schweizer im Training auf taktische Spielchen. "Das kann", so Hoffmann, "nur einer machen, der während zwei, drei Jahren an der Spitze mitfährt. Mir selber tut jedes schnelle Training gut." Was für einen wie Eberharter gut ist, kann auch für einen Schweizer nur billig sein.

Fabian Fanger - Weltcup-Debut vier Tage nach Verbier-Drama

Die aufwühlendsten und emotionalsten Tage seines Lebens erlebt der 21-jährige Fabian Fanger aus Stalden im Kanton Nidwalden. Der einstige Slalomfahrer, der in diesem Sommer vom Techniker zum Speed-Spezialisten umgeschult wurde, warf in der internen Qualifikation die Routiniers Rolf von Weissenfluh und Markus Herrmann aus dem Team. So kommt der KV-Stift, der dem C-Kader (der letzten Hoffnung) angehört, unerwartet zu seinem Weltcup-Debut - nur vier Tage nach dem Drama von Verbier.

Eigentlich waren er sowie Sämi Perren und Michael Bonetti primär nach Val d´Isère gekommen, um mittrainieren zu können. Sie hatten sich den Einsatz durch ihre guten Trainingsleistungen beim FIS-Rennen in Verbier verdient, wo ihr Kollege Werner Elmer tödlich verunglückte. Fanger fuhr im einen Training Bestzeit, im andern war er Zweiter hinter Werner Elmer, der ebenfalls in Val d´Isère hätte fahren dürfen. "Wir haben überlegt, ob wir überhaupt nach Val d´Isère sollen", sagt Fanger, "dann entschieden wir uns schweren Herzens dazu, doch nach Frankreich zu reisen. Vielleicht war es das beste, gleich sofort wieder zu fahren. So kommt man weniger ins Grübeln."

Die Abfahrtsgruppe war in Verbier bewusst zusammen gehalten und von einem Psychologen betreut worden; drei waren völlig deprimiert gleichwohl nach Hause gereist. "Wir waren froh, dass wir mit unseren Emotionen nicht allein gelassen wurden", schildert Fanger die schweren Stunden. "Wahlweise wurden uns Einzel- und Gruppengespräche mit dem Psychologen angeboten." Er selbst wollte eigentlich am Samstag an die Beerdigung von Werner Elmer nach Linthal, weil er nicht mit einer Qualifikation gerechnet hatte. Nun startet er heute Samstag zu seinem bisher wichtigsten Rennen. Fabian Fanger schüttelt den Kopf: "Manchmal findet man für gewisse Ereignisse keine Worte."

(Richard Hegglin, Val d´Isère /sda)

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